12
Jul
2005

Der Katastrophenfilm als Familienaufstellung

Hellinger, Spielberg und die wahren Werte

Von Jürgen Dick

In seinen als „Familienaufstellungen“ bekannt gewordenen systemischen Inszenierungen lässt der autodidaktische Therapeut Anton „Bert“ Hellinger seine Klienten ihre Familien (ja:) „aufstellen“.

„Aufstellen“ - das bedeutet, dass ein Klient während einer solchen Therapiestunde aus dem Publikum heraus Stellvertreter für Menschen auswählt, deren Beziehungen zueinander verdeutlicht werden sollen.

Diese Personen werden stehend zueinander ausgerichtet, in Positionen, welche nach Ansicht des „aufstellenden“ Klienten den untereinander wirksamen sozialen und persönlichen Beziehungen der aufgestellten Personen entsprechen. Ein Teilnehmer wird zum Beispiel die von ihm erwählten Stellvertreter seiner Eltern neben- oder auch hintereinander „aufstellen“, je nachdem, wie er die Beziehung einschätzt, die beide Personen zueinander haben. Anschließendes Herumprobieren an der gewählten Positionierung führt schließlich zu einer Variante der Aufstellung, die gerne im Sinne einer „Lösung“ aus “familiären Verstrickungen“ gedeutet werden darf.

Es ist zwar nicht überliefert, aber auch nicht rundheraus auszuschließen, dass Hellinger die Idee zu dieser in Fachkreisen umstrittenen Therapiemethode beim Betrachten von Schlußszenen amerikanischer Publikumsfilme gekommen sein könnte.

Ein besonders gelungenes Anschauungsbeispiel dafür, was „Familienaufstellung“ im Grunde sein soll, kann in dem derzeit populären Blockbuster „Krieg der Welten“ des amerikanischen Ausnahmeregisseurs Steven Spielberg betrachtet werden.

"Krieg der Welten" - dieser über 130 Millionen Dollar teure, monumentale Science-Fiction-Katastrophenfilm ist vordergründig eine Geschichte um die Eroberung der Welt durch fremde, übermächtige Eindringlinge, gegen die kein irdisches Kraut gewachsen scheint. Die ursprünglich von H.G. Wells geschriebene Geschichte bildet jedoch bei genauerer Betrachtung nur die Staffage für die eigentliche Story des Films, in deren Mittelpunkt der Hafenarbeiter Ray steht, ein verantwortungsloser Hallodri, den seine Frau verlassen hat, und der seine beiden Kinder nur widerwillig und unvorbereitet für ein Wochenende zu sich nach Hause aufnimmt.

Ray ist ein Typ, auf den sich weder sein Chef noch seine (bereits wiederverheiratete) Ex verlassen können. Schlimmer noch, er ist kein richtiger „Dad“ für seine beiden Kinder, den spätpupertär widerspenstigen Problemfall Robbie und dessen knallscharf intelligente jüngere Schwester Rachel.

Damit Ray, der Versager, lernt, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen, braucht es nun eine rundherum radikal in Szene gesetzte Invasion brutaler Ausserirdischer, welche Rays ohnehin instabile, auf dem Sand jugendlicher Illusionen gründende Welt buchstäblich dem Erdboden gleichmachen – ein Vorgang, der den Looser Ray zum Aufwachen zwingt und damit schließlich zur Übernahme der persönlichen Verantwortung für das leibliche und seelische Wohl seiner Kids – womit das eigentliche „Happy End“ des Films beschrieben ist.

Hat uns die anfängliche Einblendung von Rays Patchwork-Family noch einen unbeholfenen Ray vorgeführt, dem sein mit ihm im Dauerkonflikt befindlicher Sohn den Gruß verweigert und dessen schwangere Exfrau ihm noch nicht mal das Tragen eines Koffers zutraut, so erleben wir in der Schlußszene, nach allen nur erdenklich durchstandenen Katastrophenängsten, die perfekt inszenierte Visualisierung einer familiären Versöhnung - das beinahe biblisch anmutende Bild einer Erlösung:

Ray bringt die Tochter, um deren Leben er so vehement gekämpft hat wie es selbstverständlich nur ein Vater vemag, ins Haus seiner Frau zurück. In gebührend respektvollem Abstand betrachtet er die rührende Willkommensszene „Tochter-fällt-Mum-schluchzend-in-die-Arme“, und vom oberhalb gelegenen Hauseingang herab schauen Rays Ex-Schwiegereltern (und der neue Mann) gnädig, vergebend und segenstiftend auf das Geschehen herab.

Schließlich tritt der todgeglaubte Sohn hinter den Großeltern hervor, kommt die Stufen herab und stürzt auf Ray zu - die Verbrüderungsszene zwischen zwei erwachsengewordenen Männern, die sich in die Augen schauen können, beschert uns endlich den Durchatmer, der uns mit brutaler Absicht den ganzen Film über vorenthalten worden ist. Ein kurzer Moment der Distanz noch, der scharfe Männerblick in die Augen, dann die Männerumarmung, kein weiches Ineinanderfallen, sondern ein kräftiges Einander-Packen – in Spielbergs „Familienaufstellung“ findet schließlich jedes Familienmitglied seine ihm zubestimmte Position.

Der Film darf enden.

Bei Spielberg lernt man: was zählt, ist die Familie, und nichts, wirklich nichts als die Familie zählt, das hat der Film zuvor bewiesen. Jedoch: die Familie muß erst in Ordnung kommen, anderenfalls droht das Chaos – auch das wusste uns der Film eindringlich mitzuteilen.

Und genau so ist es auch bei Hellinger: „Ordnungen der Liebe“ nennt der „Bert“ den Zustand, der jedem seinen Platz beschert - wo „Innen“, in der Familie, die Heimat ist, und wo das „Aussen“, das nicht-in-der-Familie-verankert-sein für das Individuum allenfalls temporär zu ertragen ist, bestenfalls als Qualifikationsrunde: eben für die Heimkehr in die Familie .

Wie übrigens zu hören ist, hat Hellinger in den USA mit seinen „Family Constellation“-Seminaren inzwischen einigen bemerkenswerten Zuspruch erfahren.

Krieg der Welten
USA 2005

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