Mobilfunkkritik auf Abwegen
Verschwörungsglaube, Wahn und Sachdebatte
Von Jürgen Dick
Im frühen Herbst des Jahres 2002 schlug die Meldung von der behördlich verordneten Psychiatrie-Einweisung eines Erlanger Wissenschaftlers einige Wellen.
In besondere Erregung versetzte der Vorfall vor allem die Mitglieder von Initiativen, die der Meinung sind, dass es in Deutschland wie auch anderswo Leute oder gar Organisationen gibt, die dafür sorgen, dass ihnen unliebsame Zeitgenossen heimlich mit Mikrowellen bestrahlt werden.
Und weil der Diskurs um die Gefährlichkeit von Mikrowellen auch in der gegenwärtig an vielen Orten geführten Auseinandersetzung um Mobilfunk-Sendemasten beheimatet ist, landete das Thema natürlich auch in den Newslettern von Mobilfunk-Kritikern. Tenor: ein kritischer Wissenschaftler solle vom Staat und diversen Lobbys mundtot gemacht werden.
Was war passiert?
Der erwähnte Professor, der fachlich eigentlich auf dem Gebiet der Psychologie zuhause ist, war wegen vermuteter Neigung zu Angst- oder Wahnvorstellungen aufgefallen.
Ein über ihn erstelltes Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass er an die Existenz von Mikrowellenwaffen glaube, was Teil seines persönlichen Wahnsystems sei oder zu werden beginne. Er glaube ferner, auf einem Kongress in den USA als Sprecher angekündigt zu sein, auf dem es um Mikrowellenwaffen gehe. Ebenso glaube er, dass man Mikrowellen hören könne. Darüber hinaus wurde seinerzeit kolportiert, dass er seine Wohnung mit Aluminiumfolie ausgekleidet habe, um Mikrowellenangriffe abzuwehren. Er glaube auch, dass seine Lebensgefährtin infolge solcher Strahlenangriffe ernstlich erkrankt sei.
Der Wissenschaftler, der sich generell mit der Gefährlichkeit von Mikrowellenwaffen-Angriffen befasst, war in der Tat zu jener Zeit für die Teilnahme an einem Kongress namens „InfoWarCon“ in den USA gelistet, der vom 4. bis 6. September 2002 in Washington D.C. abgehalten wurde. Er war darin als Mitreferent eines Workshops mit dem Titel „Elektromagnetischer Terror: Angriff und Verteidigung für den Info Krieger“ angekündigt, zusammen mit zwei weiteren Mentoren. Der Ankündigungstext versprach durchaus spannende Informationen aus erster Hand: „In diesem eintägigen Workshop werden sie die Grundlagen elektromagnetischer Waffen bearbeiten, einschließlich der Fragen, wie diese Einheiten funktionieren, warum sie funktionieren, deren potentielle Verwundbarkeit, und die realistischen Risiken, die mit ihnen verbunden sind. Sie werden feststellen, wer diese Technologien anwenden oder bauen kann, und zuhause hergestellte Waffen ansehen... (...) Sie werden lernen, wie diese das ’perfekte Verbrechen’ ermöglichen... (...) Sie werden Zeuge der Detonation einer koffergrossen ....elektromagnetischen Einheit und werden deren Effekt bei verschiedenen Distanzen innerhalb eines Demonstrationsgebietes messen.“ (eig. Übers.)
Man mag darüber geteilter Meinung sein, wie unterstützenswert es wohl sein mag, wenn ein deutscher oder sonst irgendein Professor öffentlich über Bauanleitungen für Mikrowellen-Waffen referiert, insbesondere für „home-brew weapons“, also solche, die sich jedermann im Keller selbst zusammenbasteln kann.
Es ist auch zu hoffen, dass bei der Ausgabe der Teilnehmerausweise für diese Konferenz, für die ja immerhin öffentlich im Internet geworben wurde, die falschen Interessenten möglichst lückenlos herausgefiltert worden sind. Für 1095 Dollar hatte man nämlich Eintritt zu der Konferenz und konnte überdies für zusätzliche Gebühren noch anscheinend recht unterhaltsame „War Game Workshops“ hinzubuchen. Man erinnert sich daran, dass vor dem 11. September auch schon einmal die falschen Schüler bei einer US-Flugschule ungeprüft haben anheuern dürfen, mit den bekannten Folgen.
Die von den Unterstützern des deutschen Wissenschaftlers hochgelobte, aber bei genauerem Hinsehen nachdenklich stimmende Konferenzteilnahme veranlasste wohl einige aus der Szene letzten Endes doch, nachdenklich zu werden.
Und so schlug das Projekt fehl, aus dem verfolgten Professor einen vollendeten Märtyrer der Mikrowellen- und Mobilfunkkritiker zu machen. Im Internet, in einschlägigen Diskussionsforen, in denen mikrowellenbedrohte Mitbürger ihre Verfolgungsängste diskutieren, war das Thema aber einige Zeit präsent.
Es zeigte sich an diesem Fall, dass stets dann mit der Anwesenheit von Verschwörungsgläubigen gerechnet werden muss, wenn die Auseinandersetzung um das nicht Sichtbare, um Strahlung, Grenzwerte oder auch um so unverständliche Vorgänge wie etwa behördliche Anordnungen geht.
Dies anscheinend vor allem dann, wenn der Ort des Diskurses Deutschland heisst. Im Land des Waldsterbens, in dem sich alle düsteren Katastrophen-Voraussagen von der kollektiven Atomkraftwerksverstrahlung über diverse Massenvergiftungen durch BSE, Chlor, PVC-Weichmacher, Arsen im Mineralwasser usw. bis hin zum Atomkriegs-Harmageddon bis auf Weiteres noch nicht eingestellt haben, muss einfach stets Platz für neue Bedrohungsängste geschaffen werden. Die Affinität für das Thema lag wohl für einige Mobilfunkkritiker auf der Hand.
Von Jürgen Dick
Im frühen Herbst des Jahres 2002 schlug die Meldung von der behördlich verordneten Psychiatrie-Einweisung eines Erlanger Wissenschaftlers einige Wellen.
In besondere Erregung versetzte der Vorfall vor allem die Mitglieder von Initiativen, die der Meinung sind, dass es in Deutschland wie auch anderswo Leute oder gar Organisationen gibt, die dafür sorgen, dass ihnen unliebsame Zeitgenossen heimlich mit Mikrowellen bestrahlt werden.
Und weil der Diskurs um die Gefährlichkeit von Mikrowellen auch in der gegenwärtig an vielen Orten geführten Auseinandersetzung um Mobilfunk-Sendemasten beheimatet ist, landete das Thema natürlich auch in den Newslettern von Mobilfunk-Kritikern. Tenor: ein kritischer Wissenschaftler solle vom Staat und diversen Lobbys mundtot gemacht werden.
Was war passiert?
Der erwähnte Professor, der fachlich eigentlich auf dem Gebiet der Psychologie zuhause ist, war wegen vermuteter Neigung zu Angst- oder Wahnvorstellungen aufgefallen.
Ein über ihn erstelltes Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass er an die Existenz von Mikrowellenwaffen glaube, was Teil seines persönlichen Wahnsystems sei oder zu werden beginne. Er glaube ferner, auf einem Kongress in den USA als Sprecher angekündigt zu sein, auf dem es um Mikrowellenwaffen gehe. Ebenso glaube er, dass man Mikrowellen hören könne. Darüber hinaus wurde seinerzeit kolportiert, dass er seine Wohnung mit Aluminiumfolie ausgekleidet habe, um Mikrowellenangriffe abzuwehren. Er glaube auch, dass seine Lebensgefährtin infolge solcher Strahlenangriffe ernstlich erkrankt sei.
Der Wissenschaftler, der sich generell mit der Gefährlichkeit von Mikrowellenwaffen-Angriffen befasst, war in der Tat zu jener Zeit für die Teilnahme an einem Kongress namens „InfoWarCon“ in den USA gelistet, der vom 4. bis 6. September 2002 in Washington D.C. abgehalten wurde. Er war darin als Mitreferent eines Workshops mit dem Titel „Elektromagnetischer Terror: Angriff und Verteidigung für den Info Krieger“ angekündigt, zusammen mit zwei weiteren Mentoren. Der Ankündigungstext versprach durchaus spannende Informationen aus erster Hand: „In diesem eintägigen Workshop werden sie die Grundlagen elektromagnetischer Waffen bearbeiten, einschließlich der Fragen, wie diese Einheiten funktionieren, warum sie funktionieren, deren potentielle Verwundbarkeit, und die realistischen Risiken, die mit ihnen verbunden sind. Sie werden feststellen, wer diese Technologien anwenden oder bauen kann, und zuhause hergestellte Waffen ansehen... (...) Sie werden lernen, wie diese das ’perfekte Verbrechen’ ermöglichen... (...) Sie werden Zeuge der Detonation einer koffergrossen ....elektromagnetischen Einheit und werden deren Effekt bei verschiedenen Distanzen innerhalb eines Demonstrationsgebietes messen.“ (eig. Übers.)
Man mag darüber geteilter Meinung sein, wie unterstützenswert es wohl sein mag, wenn ein deutscher oder sonst irgendein Professor öffentlich über Bauanleitungen für Mikrowellen-Waffen referiert, insbesondere für „home-brew weapons“, also solche, die sich jedermann im Keller selbst zusammenbasteln kann.
Es ist auch zu hoffen, dass bei der Ausgabe der Teilnehmerausweise für diese Konferenz, für die ja immerhin öffentlich im Internet geworben wurde, die falschen Interessenten möglichst lückenlos herausgefiltert worden sind. Für 1095 Dollar hatte man nämlich Eintritt zu der Konferenz und konnte überdies für zusätzliche Gebühren noch anscheinend recht unterhaltsame „War Game Workshops“ hinzubuchen. Man erinnert sich daran, dass vor dem 11. September auch schon einmal die falschen Schüler bei einer US-Flugschule ungeprüft haben anheuern dürfen, mit den bekannten Folgen.
Die von den Unterstützern des deutschen Wissenschaftlers hochgelobte, aber bei genauerem Hinsehen nachdenklich stimmende Konferenzteilnahme veranlasste wohl einige aus der Szene letzten Endes doch, nachdenklich zu werden.
Und so schlug das Projekt fehl, aus dem verfolgten Professor einen vollendeten Märtyrer der Mikrowellen- und Mobilfunkkritiker zu machen. Im Internet, in einschlägigen Diskussionsforen, in denen mikrowellenbedrohte Mitbürger ihre Verfolgungsängste diskutieren, war das Thema aber einige Zeit präsent.
Es zeigte sich an diesem Fall, dass stets dann mit der Anwesenheit von Verschwörungsgläubigen gerechnet werden muss, wenn die Auseinandersetzung um das nicht Sichtbare, um Strahlung, Grenzwerte oder auch um so unverständliche Vorgänge wie etwa behördliche Anordnungen geht.
Dies anscheinend vor allem dann, wenn der Ort des Diskurses Deutschland heisst. Im Land des Waldsterbens, in dem sich alle düsteren Katastrophen-Voraussagen von der kollektiven Atomkraftwerksverstrahlung über diverse Massenvergiftungen durch BSE, Chlor, PVC-Weichmacher, Arsen im Mineralwasser usw. bis hin zum Atomkriegs-Harmageddon bis auf Weiteres noch nicht eingestellt haben, muss einfach stets Platz für neue Bedrohungsängste geschaffen werden. Die Affinität für das Thema lag wohl für einige Mobilfunkkritiker auf der Hand.
JuergenD - 19. Jul, 19:47
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