Ein Besuch am Holocaust-Mahnmal
Subtile Verstörung
- oder: Peter Eisenman ist ein Mann mit Humor
Von Jürgen Dick
Auf dem Weg zur Arbeit kam ich früher immer an einem alten jüdischen Friedhof in Hanau vorbei. Er steht unter Denkmalschutz und wird deshalb nicht nach den für übliche Friedhöfe geltenden Vorschriften der städtischen Friedhofsverwaltung überwacht. Die amtlichen Grabsteinrüttler, die ihre Schildchen mit Aufforderungen zur Verbesserung der Grabsteinverankerung auf die Grabsteine kleben, treten hier nicht in Erscheinung.
Von der Eingangsseite her ist es nicht möglich, einen Blick auf den Friedhof zu werfen. Die hohe Mauer lässt dies nicht zu, man findet hier lediglich eine Gedenktafel, neben dem verschlossenen Tor. Über die rückwärtige Mauer des Friedhofes, welche entlang der Jahnstraße verläuft, kann man jedoch in den Friedhof hineinsehen.
Beim Blick nach innen kann der Zaungast etwas darüber lernen, was mit Grabsteinen passiert, um die sich niemand kümmert. Je nach Bodenbeschaffenheit, Gewicht und Grundfläche neigen sich die Steine im Verlauf der Jahrzehnte: zur Seite, nach vorn, nach hinten - stehen also zu großen Teilen ziemlich schief in der Gegend herum, und einige der älteren Grabsteine sind sogar wegen ihres Gewichtes um ein Stück in die Erde eingesunken.
Als ich zum ersten Mal das Gelände des Berliner Holocaust-Mahnmals besucht habe, erinnerte mich der Anblick an die schiefen Grabsteine in Hanau.
Das mögen Sie kitschig finden: Holocaust-Mahnmal und jüdischer Friedhof. Platter geht ein Vergleich wohl kaum noch, werden Sie sagen. Mag sein. Finde ich auch. Aber das Mahnmal besteht aus sogenannten „Stelen“, und diese Bezeichnung gilt landläufig als Synonym für „Grabsäulen“. Mithin wird die Assoziation zu einem Friedhof in der öffentlichen Diskussion sozusagen automatisch mittransportiert, sobald die Rede von dem Stelenfeld ist. Ich halte also meine gedankliche Friedhofs-Verknüpfung, die eben nicht nur die meine ist, bis auf weiteres für opportun, sogar für offiziell genehmigt.
Obwohl diese Vorstellung, wie ich glaube, dem Arrangement im Grunde nicht gerecht wird.
Wenn man aus der Entfernung über das Berliner Stelenraster blickt, dann wirkt die Ansammlung der dunkelgrauen Quader zwar in der Tat wie ein Friedhof, bestückt mit Grabsteinen, von denen jeder einzelne seinen festen, flächengeometrisch logisch zugeordneten Platz innehat. Und die Abstände der Grundflächen zueinander stimmen wahrscheinlich auf den Zentimeter.
Aber ober- und unterhalb des festgelegten Stellflächenplans, in der dritten Dimension, läuft die Ordnung aus dem Ruder. Ohnehin von unterschiedlicher Höhe und auf unebenem Grund, stehen viele Quader leicht geneigt, ragen nach dieser oder jener Seite aus der anscheinend festgelegten perspektivischen Flucht heraus - so als sei irgendwann ein Windstoß in die ganze Parade hineingefahren, oder als wäre der Untergrund irgendwie instabil. Als sei das Fundament dem Gewicht der Betonquader nicht gewachsen, so dass manche von ihnen bereits in den Boden einzusinken beginnen.
Der Architekt des Mahnmals, Peter Eisenman, soll gesagt haben, das Mahnmal verdeutliche „die einem scheinbaren System inhärente Instabilität“.
Und ich finde: seitdem das Mahnmal für den Publikumsverkehr geöffnet worden ist, vermittelt sich dieser Eindruck demjenigen Betrachter, der sich ein wenig Zeit mitgebracht hat, in einer nachgerade genial anschaulichen Weise.
Seit nämlich Kinder, Jugendliche und einige unvernünftige Erwachsene damit begonnen haben, bisweilen auf den Stelen herumzuspringen, muß konstatiert werden, dass sich mitten in der Bundeshauptstadt ein aus bau- und sicherheitsrechtlicher Sicht inakzeptabler Zustand eingestellt hat.
Wenn es nämlich möglich ist, dass Kinder bis in eine Höhe von drei, vier, gar fünf Metern auf öffentlich errichtete, ungesicherte Podeste hinaufklettern können, dann stellt sich automatisch die Frage nach den Sicherheitsvorkehrungen. Es ist nämlich unter den jetzt gegebenen Umständen nicht unwahrscheinlich, daß irgendwann mal ein Kind von einer der Stelen herabstürzt und sich ernsthaft verletzt.
Nicht alle Kinder können schließlich die ohnehin kaum sichtbaren Verbotsschilder lesen, können für ihr Tun also auch nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Sicherheitsverantwortung liegt in so einem Fall beim „Betreiber“ der Anlage.
Das Holocaust-Mahnmal ist also unter dem gegebenen Umstand seiner freien Zugänglichkeit ein Bauwerk, welches aus baurechtlicher Sicht im Grunde nicht genehmigungsfähig gewesen wäre. Was fehlt, sind die Sicherheitseinrichtungen: die Geländer, die Absperrgitter, oder auch: die Ordner in Uniform.
Hier, an diesem Ort, auf die gewohnte, uns allen vertraute, konventionelle Weise für die nötige Sicherheit zu sorgen (also: mit Vorschriften, Zäunen und Absperrungen, unter Androhung von Sanktionen) – dies würde die subtil verstörende Wirkung des Mahnmals auf den Betrachter konterkarieren, eliminieren.
Peter Eisenman ist offensichtlich ein Mann mit Humor. Er hat einen Ort kreiert, an dem die Unordnung ausgehalten werden muß - ausgerechnet inmitten der Hauptstadt eines Landes, in dem Zäune, Mauern und Verordnungen für eine Illusion von Ordnung, Sauberkeit und Stabilität stehen, welche ihrer Unschuld längst entkleidet ist.
*
Was meinen Hanauer Friedhof betrifft: irgendwann machen sie bestimmt Führungen. Ich werde mich mal danach erkundigen. Von jenseits der Mauer sieht man nicht alles.
- oder: Peter Eisenman ist ein Mann mit Humor
Von Jürgen Dick
Auf dem Weg zur Arbeit kam ich früher immer an einem alten jüdischen Friedhof in Hanau vorbei. Er steht unter Denkmalschutz und wird deshalb nicht nach den für übliche Friedhöfe geltenden Vorschriften der städtischen Friedhofsverwaltung überwacht. Die amtlichen Grabsteinrüttler, die ihre Schildchen mit Aufforderungen zur Verbesserung der Grabsteinverankerung auf die Grabsteine kleben, treten hier nicht in Erscheinung.
Von der Eingangsseite her ist es nicht möglich, einen Blick auf den Friedhof zu werfen. Die hohe Mauer lässt dies nicht zu, man findet hier lediglich eine Gedenktafel, neben dem verschlossenen Tor. Über die rückwärtige Mauer des Friedhofes, welche entlang der Jahnstraße verläuft, kann man jedoch in den Friedhof hineinsehen.
Beim Blick nach innen kann der Zaungast etwas darüber lernen, was mit Grabsteinen passiert, um die sich niemand kümmert. Je nach Bodenbeschaffenheit, Gewicht und Grundfläche neigen sich die Steine im Verlauf der Jahrzehnte: zur Seite, nach vorn, nach hinten - stehen also zu großen Teilen ziemlich schief in der Gegend herum, und einige der älteren Grabsteine sind sogar wegen ihres Gewichtes um ein Stück in die Erde eingesunken.
Als ich zum ersten Mal das Gelände des Berliner Holocaust-Mahnmals besucht habe, erinnerte mich der Anblick an die schiefen Grabsteine in Hanau.
Das mögen Sie kitschig finden: Holocaust-Mahnmal und jüdischer Friedhof. Platter geht ein Vergleich wohl kaum noch, werden Sie sagen. Mag sein. Finde ich auch. Aber das Mahnmal besteht aus sogenannten „Stelen“, und diese Bezeichnung gilt landläufig als Synonym für „Grabsäulen“. Mithin wird die Assoziation zu einem Friedhof in der öffentlichen Diskussion sozusagen automatisch mittransportiert, sobald die Rede von dem Stelenfeld ist. Ich halte also meine gedankliche Friedhofs-Verknüpfung, die eben nicht nur die meine ist, bis auf weiteres für opportun, sogar für offiziell genehmigt.
Obwohl diese Vorstellung, wie ich glaube, dem Arrangement im Grunde nicht gerecht wird.
Wenn man aus der Entfernung über das Berliner Stelenraster blickt, dann wirkt die Ansammlung der dunkelgrauen Quader zwar in der Tat wie ein Friedhof, bestückt mit Grabsteinen, von denen jeder einzelne seinen festen, flächengeometrisch logisch zugeordneten Platz innehat. Und die Abstände der Grundflächen zueinander stimmen wahrscheinlich auf den Zentimeter.
Aber ober- und unterhalb des festgelegten Stellflächenplans, in der dritten Dimension, läuft die Ordnung aus dem Ruder. Ohnehin von unterschiedlicher Höhe und auf unebenem Grund, stehen viele Quader leicht geneigt, ragen nach dieser oder jener Seite aus der anscheinend festgelegten perspektivischen Flucht heraus - so als sei irgendwann ein Windstoß in die ganze Parade hineingefahren, oder als wäre der Untergrund irgendwie instabil. Als sei das Fundament dem Gewicht der Betonquader nicht gewachsen, so dass manche von ihnen bereits in den Boden einzusinken beginnen.
Der Architekt des Mahnmals, Peter Eisenman, soll gesagt haben, das Mahnmal verdeutliche „die einem scheinbaren System inhärente Instabilität“.
Und ich finde: seitdem das Mahnmal für den Publikumsverkehr geöffnet worden ist, vermittelt sich dieser Eindruck demjenigen Betrachter, der sich ein wenig Zeit mitgebracht hat, in einer nachgerade genial anschaulichen Weise.
Seit nämlich Kinder, Jugendliche und einige unvernünftige Erwachsene damit begonnen haben, bisweilen auf den Stelen herumzuspringen, muß konstatiert werden, dass sich mitten in der Bundeshauptstadt ein aus bau- und sicherheitsrechtlicher Sicht inakzeptabler Zustand eingestellt hat.
Wenn es nämlich möglich ist, dass Kinder bis in eine Höhe von drei, vier, gar fünf Metern auf öffentlich errichtete, ungesicherte Podeste hinaufklettern können, dann stellt sich automatisch die Frage nach den Sicherheitsvorkehrungen. Es ist nämlich unter den jetzt gegebenen Umständen nicht unwahrscheinlich, daß irgendwann mal ein Kind von einer der Stelen herabstürzt und sich ernsthaft verletzt.
Nicht alle Kinder können schließlich die ohnehin kaum sichtbaren Verbotsschilder lesen, können für ihr Tun also auch nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Sicherheitsverantwortung liegt in so einem Fall beim „Betreiber“ der Anlage.
Das Holocaust-Mahnmal ist also unter dem gegebenen Umstand seiner freien Zugänglichkeit ein Bauwerk, welches aus baurechtlicher Sicht im Grunde nicht genehmigungsfähig gewesen wäre. Was fehlt, sind die Sicherheitseinrichtungen: die Geländer, die Absperrgitter, oder auch: die Ordner in Uniform.
Hier, an diesem Ort, auf die gewohnte, uns allen vertraute, konventionelle Weise für die nötige Sicherheit zu sorgen (also: mit Vorschriften, Zäunen und Absperrungen, unter Androhung von Sanktionen) – dies würde die subtil verstörende Wirkung des Mahnmals auf den Betrachter konterkarieren, eliminieren.
Peter Eisenman ist offensichtlich ein Mann mit Humor. Er hat einen Ort kreiert, an dem die Unordnung ausgehalten werden muß - ausgerechnet inmitten der Hauptstadt eines Landes, in dem Zäune, Mauern und Verordnungen für eine Illusion von Ordnung, Sauberkeit und Stabilität stehen, welche ihrer Unschuld längst entkleidet ist.
*
Was meinen Hanauer Friedhof betrifft: irgendwann machen sie bestimmt Führungen. Ich werde mich mal danach erkundigen. Von jenseits der Mauer sieht man nicht alles.
JuergenD - 27. Jul, 20:51
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