Der Sport!

Neue Trends

Letzthin wurde ich auf ein Schaufenster aufmerksam, in dem Schuhe mit gekrümmten Sohlen ausgestellt waren. Wenn man diese Schuhe trägt, dann wippt man ständig hin und her. Füße und Beine sollen dadurch ständig in Bewegung sein, selbst wenn man nur einfach so dasteht. Dies habe allerlei günstige Auswirkungen auf das gesundheitliche Befinden.

Es soll so ähnlich wie das Barfuß-Laufen wirken, heisst es in der Werbung. Ich habe allerdings gar nicht in Erinnerung, dass das Barfuß-Laufen einen immerzu so wippen lässt, als stünde man auf gekrümmten Sohlen. Aber diese Art des Laufens scheint jedenfalls ein neuer Trend für den modernen Büromenschen zu sein, der sich heutzutage ja praktisch kaum noch bewegt.

Und in diesem Zusammenhang fällt mir eine andere Neuerung ein, die vor ein paar Jahren in unseren Büros kurzzeitig Einzug gehalten hatte. Unsere Sekretärin tauschte damals ihren rückenstützenden Bürostuhl kurzerhand gegen einen riesigen Plastikball aus. Einmal auf dem Ball positioniert, sah man sie beim Schreiben ständig hin und her wackeln, was jedenfalls interessant anzusehen gewesen ist. Leider ist sie des Balles nach einigen Wochen überdrüssig geworden, wahrscheinlich, weil wieder irgendein allerneuester Hightech- Gesundheitsstuhl auf den Markt gekommen war.

Ich will nun nicht all die weiteren Gesundheitstrends aufzählen, die derzeit en vogue sind, aber ich meine beobachtet zu haben, dass neue Themen immer dann trendy werden, wenn sie irgendwie das Ganzheitliche ansprechen. In diesem Sinne bin ich jetzt schon auf meine erste Erfahrung mit dem „Hamam“ gespannt, worunter ein orientalisches Dampfbad zu verstehen ist. Hamam soll demnächst schwer im Kommen sein. Wer weiss, was dann aus unserer guten alten Sauna wird. Und direkt nach dem Hamam könnte eine sogenannte Progressive Muskelentspannung gut tun, die unter Leuten, die nicht wie ich hinterm Mond leben, als „PME“ bekannt ist.

Richtig elektrisiert hat mich jedoch die Aussicht auf die neuartige „Vino-Therapie“. Dabei entspannt man buchstäblich im Weinbad. Man legt sich einfach hinein und geniesst seinen Riesling mal auf völlig andere, eben auf ganzheitliche Art. Es dürfte uns also auch in Zukunft nicht langweilig werden.

Schau mer mal

Die sichere Seite

Die Stiftung Warentest hatte sich erlaubt, die WM-Fussballstadien auf ihre sichere Benutzbarkeit und Kundenfreundlichkeit hin zu überprüfen.

Weil das Ergebnis bei einigen wenigen Stadien nicht im Sinne der WM-Organisatoren ausgefallen ist, war das Geschrei groß. Nicht etwa über die festgestellten Mängel, sondern über die Frechheit der Stiftung Warentest, überhaupt Kritik zu üben. Sogar der Franzl Beckenbauer, dessen Sachverstand, wie bei Kaisern üblich, für deutsche Journalisten schon seit Jahren über alle Zweifel erhaben ist (egal zu welchem Thema), hat a bisserl auf die Warentestler g’schimpft.

Mich hat die scharfe Reaktion verwundert. Zufällig habe ich mal in einem Stadion live miterlebt, wie es aussieht, wenn Menschenmassen auf Treppenstufen außer Tritt geraten und buchstäblich eine Lawine in Bewegung gerät.

Und wie ich meiner Tageszeitung entnehmen konnte, erwägt der Bundesinnenminister zum Zwecke der WM-Sicherheit sogar den Einsatz von Bundeswehr und AWACS-Überwachung (wofür vermutlich der Steuerzahler aufzukommen hat) – da sollte doch, wie ich finde, wenigstens auch dem Sicherheitsaspekt bei den Abmessungen von Treppenstufen oder Geländern an öffentlichen Gebäuden Genüge getan sein. Lieber ein Fragezeichen zuviel, als eins zuwenig.

Ich meine, bei den Eintrittspreisen ist das allemal zu verkraften.

Auswärtstaktik

Fussball ist unser Leben

Manche Tage verlaufen wie ein Auswärtsspiel.

Eines von der Sorte, bei dem sie einen von Anfang an unter Druck setzen. An solchen Tagen will einfach nichts klappen. Man bekommt den Ball nicht hinten raus. Ständig hat man die Querschläger vorm eigenen Tor. Man ist voll und ganz mit dem Ausputzen beschäftigt. Von Spielaufbau keine Spur. Dazu grätschen sie einem von hinten in die Beine, und der Schiedsrichter sieht nichts davon. Man sehnt den Halbzeitpfiff herbei.

Nach dem Pausentee dasselbe Bild.

Es fehlt die zündende Idee. Der Gegner dreht jetzt erst richtig auf. Es reicht nur noch zu Befreiungsschlägen. Kein Impuls aus der Tiefe des Raumes. An Arbeitstagen, die wie schlechte Auswärtsspiele verlaufen, ist sowas zu wenig. Vor allem, wenn auch der Trainer keinen Plan hat. Es ist, als spielte man nur mit neun Mann.

Zu allem Unglück droht auch noch die Verlängerung.

Dann, kurz vor dem Ende, bricht einer von uns vorne durch und macht den Treffer.

Jetzt geht ein Ruck durch die Mannschaft. Jetzt stehen wir wie ein Mann. Jetzt retten wir das Ding über die Nachspielzeit. Jetzt halten wir kompromisslos dagegen. Schließlich, endlich: Abpfiff, Erleichterung. Grenzenloser Jubel.

Wir haben es von Anfang an gewusst: das Ding ist zu schaukeln. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Unsere Taktik ging schließlich auf. Wir konnten den Gegner perfekt ausrechnen. Wir hatten ihn von Anfang an im Griff. Unser Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, das ist unsere Stärke. Wir wussten es im Grunde. Und hat nicht ein zweiter Treffer durchaus im Bereich des Möglichen gelegen?

Mit uns wird man jedenfalls wieder rechnen müssen.

Das muss gefeiert werden. Heute abend gehen wir einen trinken und gucken das Europapokalspiel. Das haben wir uns redlich verdient.

DABEISEIN IST ALLES

Wider das Vergessen: Ein Tagebuch als sportlicher Rückblick

Von Jürgen Dick

Das folgende, aus Anlass und in Begleitung der Olympiade 2004 erstellte Tagebuch ruft die damaligen, bewegenden Ereignisse noch einmal in ihrer ganzen epischen Breite auf den Plan. (Wie, Sie finden, daß das alles Schnee von gestern ist? Eben drum! Los geht’s:)

*

16. August, 8:24 - - Stand heute morgen: 1 x Bronze, 1 x Silber. Deutschland im Medaillenspiegel nur 15., was fatal an die PISA-Plazierung erinnert. Wann interveniert BILD?

*

16. August, 10:49 - - Es geht schon los: "Das Blech-Wochenende", "Unsere Sportler des Jahres Gold-Flops des Jahres" - titelt BILD. Dazu Jan Ullrich (bei der Tour bekanntlich nur als Vierter hinterhergefahren) mit einem Weizen auf seine neuerliche Pleite (19. Platz) anstossend. Und seine Kollegin Judith Arndt (nur Silber) sogar mit Stinkefinger. Der Deutschland-Achter gar nur im Hoffnungslauf.

Schlechte Bilder und wieder kein Gold. Stattdessen China, China, China.

Da müssen wir uns nicht wundern, daß wir im Ausland mal wieder wie die globalen Deppen dastehen.

Es ist zu befürchten, daß die gesamten deutschen Medaillenhoffnungen mal wieder den Bach 'runtergehen, wenn es in diesem Schlendrian weitergeht. Wahrscheinlich herrscht in unserer Abteilung im olympischen Dorf ein zu lockerer Ton. Man hätte Schäferhunde mitnehmen sollen, und zusätzliche Absperrzäune für den Strafrundenbereich.

Ich meine, wofür zahlt der deutsche Sporthilfezahler eigentlich?

*

17. August, 9:12 - - Weil es sich mit dem schwarz-roten Gold in Grenzen hält, sind wir immer noch nur Zehnter in der Medaillenwertung.

Deswegen kommt man nicht umhin, weiterhin Hoffnung in Judith A. zu setzen. Zwar überquerte sie die Ziellinie mit angesetztem Stinkefinger. Aber selbst deutsche Funktionäre, die so jemanden normalerweise wegen erwiesener nationaler Unzuverlässigkeit unverzüglich nach Hause zu schicken hätten, drücken angesichts der prekären Lage ein Auge zu. Immerhin fährt Judith A. noch das Zeitfahren. Hoffentlich ohne Stinkefinger.

Mein Lokalblatt äußert sich zu dem Vorgang etwas ungehaltener: "Frau Arndt mag Rad fahren, wo immer und mit wem sie will. Wer aber bei Olympia sein Land repräsentiert, hat sich auch zu benehmen. Und sonst die Koffer zu packen." (Hanauer Anzeiger v. 17.8.)

*

17. August, 20:06 - - Mission Gold gescheitert: "Ich bin immer noch ziemlich kaputt", sagte van Almsick unmittelbar nachdem sie aus dem Wasser gestiegen war. Sie zeigte zunächst keine Emotionen. "Im Moment geht es mir noch ganz gut, ich muss das alles erst Mal sacken lassen." Auf die Frage, ob man sie noch einmal wieder sehen werde, sagte die Weltrekordlerin: "Ich befürchte nicht." Auf der Tribüne vergoss ihre Mutter bittere Tränen. "Endlich ist die Hatz zu Ende."

Herrjeh.

Es ist ein Elend.

Die Nation wird auf die Mannschaftssportarten hoffen müssen. Stichwort Deutsche Tugenden.

*

18. August, 8:49 - - Wenn es in Athen nicht klappe, so die nach eigener Einschätzung „am Erwartungsdruck gescheiterte“ Franziska van Almsick, dann wolle sie sich dadurch auf jeden Fall nicht kaputtmachen lassen:

„Ich will dann trotzdem stolz sein auf das, was ich als Sportlerin geleistet habe.“

In Erwartung der Teilnahme am großen Fest der "Jugend der Welt“ spricht eine 26 Jahre junge Frau, als werde sie in die Rente geschickt.

Um die Motivation unserer Athleten muß man sich so langsam Sorgen machen. Anscheinend schlägt die Stimmung im Lande inzwischen schon bis auf die Schwimmer-Startblöcke durch.

*

18. August, 18:02 - - Mangels besserer Nachrichten aus den olympischen Arenen mußte BILD in den letzten Tagen mit Riesenlettern über des Kanzlers Adoptivkind Zeilen schinden.

Aber gerade eben haben die deutschen Vielseitigkeitsreiter GOLD! GOLD! GOOOOOOLLLLLD! geholt.

Hieran erweist sich: jede Durststrecke hat mal ein Ende. Der Bann ist gebrochen. Wir dürfen aufatmen. Und der Kanzler auch.

*

18. August, 19:46 - - ...und da war's schon wieder wech, das Blech... aberkannt....

Das ist halt der Unterschied zum Fußball, da darf man auf die Tatsachenentscheidungen des Schiri vertrauen.

*

18. August, 23:07 - - Seit 20:15 wird zurückgejubelt, Deutschland hat die Reitermedaille in Gold zurück. Aber Frankreich will vor dem obersten Schiedsgericht kontern.
Wenn das mal nicht vor dem internationalen Gerichtshof endet...

*

19. August, 09:33 - - In seinem Werk „Bananenrepublik und Gurkentruppe“ hat der Autor Norbert Seitz Ende der 80er Jahre den Versuch unternommen, Parallelen zwischen der Entwicklung des deutschen Fußballs und der Qualität der deutschen Politik zu beschreiben. Einen Netzer konnte es nur zur Zeit politischer Reformen geben, ein uninnovativer Kick à la Jupp Derwall hingegen hatte was mit dem Beginn der reformmüden Kohl-Ära zu tun, so etwa lassen sich seine Mutmaßungen auf einen kurzen Nenner bringen.

Man kann dieser Theorie einen gewissen Charme nicht absprechen, wenn man sich die vor zwei Tagen erfolgte Bekräftigung aus dem Funktionärslager des Deutschen Sportbundes (DSB) vor Augen hält. Dieser wolle, so meldeten die Gazetten, bezüglich des Medaillenspiegels „am Zweikampf mit China festhalten“. Angesichts des Medaillenstandes am heutigen Morgen (China 11-7-4, Deutschland 3-2-5) mutet allerdings dem sportpolitischen Laien die Aussage „Am Zweikampf mit China um Platz drei halten wir als Ziel nach wie vor fest“ zumindest optimistisch an. Andererseits: vor dem Hintergrund der sich nur zögerlich entwickelnden Aufbruchsstimmung im Lande kann man diese Aussage zu den erfreulicheren, weil: nach vorne gerichteten Statements rechnen.

Warum aber wird der sportliche „Zweikampf“ ausgerechnet mit „China“ gesucht?

Nicht mit den USA, mit Russland, oder zum Beispiel mit Nachbar Frankreich. Warum ausgerechnet „China“?

Die Prioritätensetzung scheint hier eindeutig den Vorgaben der Politik zu folgen. Schon der Altbundeskanzler Kiesinger hat ja seinerzeit mit seiner berühmt gewordenen, visionären Aussage „Ich sage nur China, China, China!“ jenen Takt vorgegeben, welcher sich nun endlich in sportliche Herausforderungen umzusetzen beginnt.

Und Bundeskanzler Schröder brachte von seinem China-Besuch im vergangenen Dezember die frohe Kunde mit, daß man auf eine engere Zusammenarbeit mit China setzen werde: von den Menschenrechten bis zum Autobau. China, der Zukunftsmarkt schlechthin, mit 1/6 der Weltbevölkerung – nun also hat auch die Funktionärsriege des Deutsche Sportbundes endlich verstanden, hat die Zeichen der Zeit erkannt.

*

20. August, 14:17 - - Stehen wir endlich vor dem lange erhofften deutschen Medaillen- Regenwochenende?

Kanuten, Beachvolleyballerinnen, die Frauen-Lagenstaffel, die Degen-Damen – an mehreren Fronten bestehen plötzlich Chancen auf den obersten Platz auf dem Treppchen, allen Unkenrufen in der Presse der letzten Tage zum Trotz.

So viele Gelegenheiten auf einmal dürfen nicht schon wieder versiebt werden. BILD macht in seiner heutigen Ausgabe schon mal Druck und alarmiert die Öffentlichkeit mit einer Gehaltsübersicht unserer Olympioniken. Dort ist zu ersehen: die Versager kriegen viel zuviel Geld. „Ausgerechnet Ullrich“ verdiene gar, so BILD, „am meisten“. Zur Erinnerung: Jan Ullrich ist derjenige deutsche Radfahrer, der immer nur Erster werden darf, sonst glaubt ihm keiner, daß er sich Mühe gegeben hat.

Man kann hieraus etwas lernen:

Seit Olympiaden keine reinen Veranstaltungen für Amateure mehr sind, stehen die Sportler halt auch ein bißchen stärker unter nationalem Erfolgszwang. Sie wollten es ja so. Und die bundesdeutschen Cracks sind jedenfalls vorgewarnt darüber, was ihnen publicitymäßig blühen kann, wenn sie sich erlauben sollten, erneut „zu wenig“ abzuliefern. Die altmodische Ausrede „Dabeisein ist Alles!“ wird die veröffentlichte Meinung ihnen jedenfalls nicht mehr so leicht durchgehen lassen wie früher, als man noch davon überzeugt war, daß bei Olympia der pure Idealismus herrscht.

*

21. August, 15:28 - - Aus der Sicht des bundesdeutschen Boulevard scheint der Olympiade bislang das Gesicht zu fehlen – verkörpert durch ein Goldmädel oder einen Goldjungen mit massenwirksamer Hintergrundgeschichte.

„Franzi“ van Almsick hätte es diesmal werden können, immerhin hatte der Boulevard schon viel Vorarbeit geleistet und ihr die „Mission Gold“ sozusagen schon im Vorhinein aufzutätowieren versucht. Aber wenn die Leistung nicht stimmt (was im Deutschen nun mal eine Grundvoraussetzung ist, um „Sympathieträger“ zu werden), lässt sich das Emblem „Unsere Franzi!“ nicht wirklich nachdrücklich durchhalten.

Auch Jan Ullrich ist so ein Fall. Von den vielen verquälten Endspurt-Fotos her eigentlich bekannt wie ein bunter Hund, lieferte er allerdings die erwünschte Medaille nicht, und kam ja auch schon mit dem Malus eines „nur“ vierten Tour-Platzes in Athen an. Auch so einer kann unter diesen Umständen nicht als Leitfigur präsentiert werden, bestenfalls noch als tragisch scheiternder Held, der sich zuviel aufgehalst hat.

Auf DAS Gesicht, DIE Persönlichkeit der Olympiade hat sich der Boulevard offensichtlich noch nicht verständigen können. Olympiasiege in so unpopulären Sportarten wie Pistolenschießen, „Vielseitigkeitsreiten“ (hieß früher „Military“ und stand bei den Tierschützern bislang auf der roten Liste) oder Rudern geben dem Fernsehkonsumenten nur sehr kurzzeitig einen Kick, weswegen die Sieger solcher Disziplinen halt meist nur kurze Zeit im Gedächtnis haften bleiben.

Symptomatisch für die bisher etwas unterkühlt daherkommende Berichterstattung über Olympia ist auch, daß BILD an einem als goldträchtig erwarteten Olympia-Samstag wie heute nicht etwa, in gewohnter Größe, die üblichen anfeuernden Olympiaschlagzeilen präsentiert.

Und das Gesicht, das heute auf der Seite 1 im Megaformat zu sehen ist, ist auch nicht das eines Olympioniken, sondern dasjenige eines kalt dreinblickende Insektes: „AMOK-WESPEN!“ bedrohen die grillenden Olympiazuschauer, so ist zu erfahren.

Man sollte dieses Wochenende wohl lieber drinnen verbringen.

*

22. August, 14:11 - - Gold für den Frauendoppelvierer, gut, prima. Toll durchgezogen das, unsere Mädels.

Erneut sind es jedoch wieder unsere Jungs, die für Bestürzung sorgen:

Auch der Deutschlandachter also.

Versagt.

Medaille verfehlt. Abgeschlagen auf Platz vier. Der ruhmreiche Deutschlandachter.

Der Deutschlandachter.

Herr-jeh.

*

23. August, 07:15 - - War das ein Olympia- Wochenende!

Fünf Goldmedaillen dazugewonnen, zwei wieder abgegeben.

Ja, es ist geschehen. Die Mitglieder einer internationalen Allianz gegen den deutschen Reitsport können ihre vergifteten Früchte ernten. Die Alliierten USA, England und Frankreich haben in lange nicht gekannter Eintracht der deutschen Reiter-Equipe die beiden wohlverdienten Goldmedaillen aberkannt. Ihr diese buchstäblich vom Hals gerissen. Zwei Medaillen, die derzeit rund 20% des gesamten deutschen Goldmedaillenbestandes ausmachen.

Es reicht nicht, wenn Bundesinnenminister Otto Schily hierzu sein Unverständnis äußert. Dies ist, eindeutig, eine Angelegenheit des Auswärtigen, des Internationalen. Und es ist eine Frage der Ehre. Folglich wäre der Kanzler gefragt, endlich Präsenz zu zeigen. Er sollte sich dabei von Joschka Fischer sekundieren lassen. Um die nötige nachdrückliche Wirkung zu erzielen.

*

23. August, 23:52 - - Im Auto hört man vom 1:1 in der Nachspielzeit, die deutschen Fußballfrauen scheinen es doch noch hinzukriegen gegen die Amerikanerinnen. Verlängerung. Zuhause angekommen, schnell den Fernseher an geschaltet. 20 Minuten zugesehen, dann wieder abgeschaltet. Nicht unbedingt wegen dem 1:2, das unsere Fußballerinnen dann doch noch haben quittieren müssen. Sondern wegen der sich einstellenden, ja: Langeweile.

Manche(r) mag es anders sehen: Frauenfußball liefert einfach nicht jene aggressive Dynamik, wie sie sich bei den Spitz-auf-Kopf- Spielen der Herren einstellt, bei diesen Spielen, die einem als Fußballzuschauer das Gefühl ins Rückenmark steigen lassen: es geht jetzt um ALLES. Um das LEBEN SELBST.
Frauenfußball ist einfach ein Quentchen zu elegant, um einem (Mann?) dieses Gefühl zu vermitteln.

Zugegeben, die deutsche Herren-Nationalelf hat in dieser Hinsicht in den letzten Jahren wirklich nicht viel mehr geboten. Unter dem Blickwinkel des oben Gesagten könnte man sogar der Ansicht zuneigen, daß sie, seit einigen Jahren schon, eine, in gewisser Weise, durchaus feminine Spielweise an den Tag legt. Was möglicherweise der Grund dafür sein könnte, warum alle Welt seit Jahren nur noch nörgelt, wenn die Herren- Nationalelf wieder mal in einem „wichtigsten Spiel des Jahres“ einen ihrer unbefriedigenden Kicks hingelegt hat.

*

24. August, 00:02 - - Richtig sympathisch kam der bislang einem größeren Sportpublikum eher unbekannte Fabian Hambüchen im TV ’rüber.

Dieser junge Reckturner hätte das Zeug zum Gesicht Olympias. Als junger Mann und schüchterner Brillenträger turnte er trotz vorausgegangenem Krawall in der Halle (das Publikum hatte zuvor eine Fehlentscheidung des Kampfgerichtes gewähnt und das Schiedsgericht lautstark attackiert) einen furiosen Auftritt vor. Mamas Liebling, big in Athens. Das hatte was. Zwar gab es keine Medaille (7. Platz), aber bei genügend Sympathiewert muss’ ja auch nich immer, das.

Die irrational knappe, Objektivität vortäuschende Werterei mit ihren dabei auftretenden 1/100-Punkte- Differenzen, welche über Sieg oder Tragik entscheiden, muß sich Otto Normaldenker eigentlich auch nicht richtig zu Herzen nehmen. Man möchte darauf wetten: zehn Kampfjurys, die nacheinander denselben Reckturner auf dem Monitor vorgeführt bekämen, würden zehn unterschiedliche Wertungen abliefern.
Also bloß nicht zu ernst nehmen, die Rechnerei. Lieber den Sport genießen.

*

25. August, 23:52 - - Es ist zu hoffen, daß die veröffentlichte Kommentierung zur deutschen Olympia-Situation nun nicht auch noch damit beginnt, in ein allgemeines Lamento abzugleiten nach dem Motto: „Wir strengen uns an, und die anderen dopen ungestraft!“

SPIEGEL ONLINE hat für einige Tage neben dem Medaillenspiegel eine Doping-Nationenliste veröffentlicht (in dieser Liste nicht dabei: das ehrliche Deutschland), dies aber, wahrscheinlich aus außenpolitischen Gründen, wieder sein lassen. DIE WELT analysierte heute in einem großen Artikel die Problematik: „Es wird gedopt auf Teufel komm raus“ heisst es da über die anderen, nur die Deutschen Sportler bleiben clean und müssen dafür zur Strafe hinterherlaufen. Der Ehrliche ist der Dumme. Insbesondere die noch nicht richtig in Tritt gekommenen deutschen Leichtathleten scheinen ob dieser Ungerechtigkeit der Welt so langsam die Lust zu verlieren.

Das ist nicht der richtige olympische Geist. Mag es auch einige schwarze Schafe in den anderen Teams geben, so sollten sich die deutschen Athleten nun nicht darin gefallen, mit dem Finger auf die anderen zu zeigen. So rätselhaft, wie die plötzlichen Leistungssteigerungen einiger unbekannter Sportler aus nahezu unbekannten Ländern auch sein mögen, so rätselhaft sind nämlich auch die Leistungseinbrüche einiger bekannter Sportler aus Deutschland gewesen – und zwar wieder mal just zu dem Zeitpunkt, wo’s drauf angekommen ist.

Wir kennen das aus dem Fußball, es scheint sich hierbei um eine sich verstärkende deutsche Krankheit zu handeln, die in Zukunft stärker in Augenschein genommen werden muß. Nur 9 Goldmedaillen zum heutigen Tag sprechen eine deutliche Sprache - wo doch die Funktionäre des Deutschen Sportbundes ursprünglich, eigentlich, einen Zweikampf um Platz Drei mit China (Stand heute: 25 x Gold) avisiert hatten.

Auf den letzten Metern, während der letzten Tage kann es jetzt erstmal nur noch heißen: Zähne zusammenbeißen. Augen zu und durch.

Alles andere sehen wir später.

*

26. August, 23:40 - - Die deutschen Hockey-Damen holen Gold - - - und sind es nicht bis jetzt überhaupt die Frauen, die das deutsche Fähnlein hochhalten?

Die erste „Goldene“ holte bekanntlich Yvonne Boehnisch im Judo, Anna Dogonadze tat Gleiches im Turnen, Katrin Rutschow-Stomporowski gewann das Finale im Ruder-Einer, Ulla Salzgeber sicherte dem deutschen Dressur-Team die Goldmedaille, und der deutsche Doppelvierer der Frauen gewann ebenfalls Gold. Bei derzeit 10 deutschen Goldmedaillen muß man nicht besonders gut rechnen können, um festzustellen, von welcher Seite der Geschlechter bislang der größere Beitrag gekommen ist. Und zählt man noch die aberkannten Military-Medaillen(Bettina Hoy) hinzu, dann lässt sich nicht verhehlen, daß die deutsche Männerriege bislang nicht nur der Weltkonkurrenz, sondern auch den eigenen Damen hinterherläuft.
Was ist los mit Deutschlands Männern?, müßte BILD eigentlich fragen.

*

27. August, 07:13 - - Wir haben lange darauf gewartet - nun ist es soweit: der Kanzler greift ein. Er geiselt die Reitsportler aus Frankreich, Großbritannien und USA, indem er sich öffentlich fragt, wie diese eigentlich „mit ruhigem Gewissen“ ihre Medaillen tragen können. Die Medaillen seien nicht durch Leistung, sondern durch „Regelauslegung“ gewonnen worden. Als ehemals tätiger Anwalt weiss er da wahrscheinlich sogar, wovon er spricht.

*

27. August, 22:47 - - Zwischenbilanz: Wenn Deutschland, derzeit 12 Goldmedaillen, bis zur Olympiaschlussfeier noch wenigstens eine Goldene schafft, wäre bei „Gold“ immerhin die Bilanz von Sidney 2000 erreicht (13 Gold), die Ausbeute von Atlanta 1996 klar verfehlt (20), die Barcelona-Latte 1992 wäre gar noch schlimmer gerissen (33). Schwierig wird der Vergleich mit Seoul 1988, denn damals erzielten zwei Deutschlands immerhin zusammen 48 Goldmedaillen, allerdings gingen davon 37 Stück auf das Konto der DDR – Medaillen, die seinerzeit bei manchen nicht als wirklich deutsche Goldmedaillen galten.

Man könnten angesichts dieser Bilanz natürlich einen steten Niedergang des deutschen Sports konstatieren, aber wenn man die Langzeittrends betrachtet, sieht das Bild schon wieder ein bißchen rosiger aus: im Vergleich zur Olympiade 1900 in Paris, als Deutschland nur ganze 3 Goldmedaillen erringen konnte, repräsentieren die heutigen bislang 12 Goldtaler eine Steigerung um 300%.

Es ist halt alles eine Frage des Blickwinkels.

Und wenn erst Nordic Walking zur Olympiadisziplin wird, dann räumen wir wieder ab. Sonntagmorgens, nach dem Lauftreff , ist jedenfalls der ganze Wald voller Skistock-Abdrücke. Das deutsche NOK sollte sich zur Abwechslung mal für Sportarten einsetzen, die den Deutschen liegen.

*

28. August, 15:15 - - Die Kanu-Fahrerin Birgit Fischer ist heute „Unser Superweib“ auf allen BILD-Zeitungen.

Neben der Tatsache, daß sie schon achtmal Gold bei Olympia geholt hat, darunter das jüngste Gold im Vierer, scheint sie auch sonst alle Vorzüge für das „Gesicht Olympias“ in der Waagschale zu haben: BILD vermeldet ihre bescheidenen Einkommensverhältnisse ebenso auf Seite 1 wie die Tatsache, daß sie alleinerziehende Mutter sei. Und sie ist darüber hinaus auch, für Sportverhältnisse, nicht mehr die Jüngste (42 Jahre).

Da ist also eine gefunden, die sich, wie wir alle, in Durchschnittsverhältnissen abrackert und dabei noch Gold für Deutschland zu holen vermag. Wie wir alle, für uns alle. Nicht nur all die anderen medaillenlos gebliebenen deutschen Sportler können sich an ihr für das nächste Mal ein Beispiel nehmen, sondern darüber hinaus Otto Normalverdiener an sich. Wenn bei einem Durchschnittsauskommen noch genug für ein Hobby übrig bleibt, das einem Gold einbringt, dann kann sich ja wohl auch niemand anders beschweren, oder? Und dann das Stichwort: Alleinerziehende. Was man wohl aus diesem eigentlich sportfernen Hinweis lernen kann? Vielleicht, daß erst das Alleinerziehen der Frau das Erreichen echter Höchstleistungen ermöglicht? Daß folglich Alleinerziehen eigentlich eine Qualität, ja, gar ein Privileg darstellt? Wie haben die das bei BILD bloß gemeint?

*

29. August, 23:50 - - Die „Jugend der Welt“ hat die olympische Bühne verlassen.

Der eine Teil der „Jugend der Welt“ wird sich nun wieder seiner sportlichen Profitätigkeit widmen, ein größerer Teil taucht im Meer der unbekannten Amateure unter.

Überhaupt wird dies einst der eigentliche Verrat am olympischen Gedanken gewesen sein: als man zugelassen hat, daß auch Profisportler an den Spielen teilnehmen dürfen. Damit ist man dem konsequenten Weg der Kommerzialisierung gefolgt. Weswegen der Blick auf „Olympia“ zwiespältige Gefühle hervorrufen muß. Das olympische Motto „Dabeisein ist alles“ ist in den Reportagen längst kein Thema mehr - wer lediglich „dabei“ war, fällt alsbald dem medialen Vergessen anheim. Es muß in jedem Fall ein Sieg, eine Medaille her. Dafür wendet, wie sich herausgestellt hat, eine erschreckend hohe Zahl an Sportlern die Methoden des Dopings an.

Auch die tägliche Bilanzierung der nationalen Leistungen im allseits beachteten „Medaillenspiegel“ widerspricht einem Geist, der doch eigentlich im Zeichen der Verständigung, der Gemeinsamkeit stehen soll. Ist auch die vorgeführte Form der „Nationenwertung“ schon deswegen idiotisch, weil die Sportler der einzelnen Länder aus völlig unterschiedlichen Voraussetzungen heraus antreten, so steht der medialen Verwandlung des olympischen Wettbewerbes in einen Nationenwettstreit dennoch keine vernehmbare Vernunftstimme im Wege.

Die Übertragungsrechte sind schließlich schwer bezahlt worden, also muß das Material interessant gehalten werden. Daß kritischer Journalismus in den TV-Anstalten, die für diese Rechte Unsummen des Geldes ihrer Gebührenzahler hingeblättert haben, außen vor bleiben muß, kann man sich ohnehin denken.

Vielleicht sollte man, als dazulernender Zuseher, in Zukunft Sportveranstaltungen konsequent nur noch im lokalen Rahmen besuchen und genießen. Wo Sport noch Spaß an der Freud’ ist. Ein Besuch beim örtlichen Landesliga-Sonntagsspiel wäre mal wieder angesagt. Den Rummel um den „großen“ Sport muß man sich eigentlich nicht wirklich antun.
logo

der juergendick weblog

Kultur+Gesellschaft

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Aktuelle Beiträge

Runter vom Gas!
Die Abfahrt Kirledreieck auf die B45 und dann hinunter...
JuergenD - 7. Mai, 23:50
Radio Gaga...
Nach langer Zeit hörte ich letzthin einmal wieder...
JuergenD - 29. Apr, 23:57
Impressum
Verantwortlich für den Inhalt dieser Webseite...
JuergenD - 27. Dez, 19:51
Le Week-End
Der Sonntag als Ruhezone im geschäftigen Wochenrhythmus...
JuergenD - 6. Dez, 22:34
Nicht das Rauchverbot...
Nicht das Rauchverbot an sich erzeugt diese "Benachteiligung"...
filmfacts - 7. Okt, 22:57

Status

Online seit 1135 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 7. Mai, 23:50

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB


Der Sport!
Der urbane Mensch
Gender
Internetsucht
Kindheit und ihre Folgen
Komm, wir geh'n ins Kino...
Kultur
Mobilfunkdebatte
Modernes Sein
Musik, Musik!
Naturschutz und Eigensinn
Nervende Jugend
Online sein
Politik und Stolz und Vorurteil
Z-Blog (Das Abstellgleis)
Zum Impressum
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren