Kindheit und ihre Folgen

Runter vom Gas!

Die Abfahrt Kirledreieck auf die B45 und dann hinunter auf die A66 Richtung Frankfurt ist mir die liebste.

Wenn man diese Autobahnzufahrt benutzt, hat man freie Fahrt. Die Zufahrt mit ihren Kurven runter, im dritten Gang, dann in schneller Folge hoch auf 4, 5, 6, und auf Höhe der Zufahrt Wilhelmsbad habe ich dann schon 210 Sachen drauf.

Ab hier wird die Autobahn dreispurig, vor mir liegt nun die endlose Weite eines von jeder Tempobegrenzung verschonten Autobahnabschnittes, der bis Frankfurt reicht.

Der dünne Verkehr erlaubt die Höchstgeschwindigkeit auf der linken Spur, was zur Folge hat, daß man in vier, fünf Minuten am Riederwald sein kann. Die Abfahrten Dörnigheim, Bischofsheim fliegen nur so vorbei.

Die Bordanlage spielt „4 Minutes“ von Madonna, der Titel ist im gegebenen Zusammenhang Programm.

Endlich frei wie die Männer hier draußen sein, denkst Du, nein, fühlst Du dann - bis schliesslich die Tempo-Warnanlagen auf der Höhe des Hessen-Centers aufleuchten. „80“, „60“, „40“ blinkt und warnt es dem Fahrer wie wild entgegen, auf daß er endlich sein Auto entschleunigen möge.

Aber ich muss hier nun innehalten.

Wenn irgendeine Frau das liest, all dieses Zeug von dieser Autobahnraserei.

Typisch Mann, wird sie denken. Das eben war aber nur eine Männerphantasie. In Zeiten der Klimakatastrophe und steigender Ölpreise fährt man natürlich schonend und spielt nicht den infantilen Verkehrsrowdy. In Wirklichkeit fahre ich sanft wie ein Lamm. Die Bruchköbeler Bußgeldstelle ist mein Zeuge. Ich bitte also um Verständnis dafür, wenigstens virtuell rasen zu dürfen.

Hin und wieder müssen sich Männer, wenigstens im Geiste, ein wenig austoben. Manche machen es im Fussballstadion, andere ballern vor dem heimischen PC um die Wette, oder hacken Holz, oder formulieren wüste Leserbriefe gegen irgendwen. Wieder andere haben es mit dem Autofahren. Das Auto, des Mannes liebstes Spielzeug. Dicht gefolgt übrigens von einem anderen technischen Gerät, dem Rasenmäher. Rasenmäher bekommt man übrigens inzwischen auch schon als Fahrgerät mit Motor, Sitz und Lenker zu kaufen.

Wie schnell die wohl fahren?

Größer

Vielleicht kennen Sie das auch: Manchmal, im Supermarkt, kommen mir Orangen, Melonen, auch Äpfel oder Gurken bisweilen, irgendwie klein vor. Ich habe dann das Gefühl, früher sei das Obst größer gewesen.

Letzthin zum Beispiel nahm ich eine Wassermelone zur Hand, wog sie bedächtig hin und her, und fand das Obst dann einfach zu klein, legte es schliesslich wieder zurück ins Regal. Ja, früher scheinen diese Früchte größer gewesen zu sein.

Und wenn man richtig darüber nachdenkt, dann ist es ja auch in der Tat so gewesen: Früher, als kleiner Bub, als kleines Mädchen, da hatte man nun mal kleinere Hände. Alle möglichen Dinge waren einem damals folglich als groß, als riesig erschienen.

Daran kann man wieder einmal sehen, wie unsere Kindheitserlebnisse bis in unsere heutige, erwachsene Gegenwart hineinzuwirken vermögen. Immer wieder muss man als Erwachsener die Erfahrung machen, dass die Apfelsinen früher voluminöser, also wahrscheinlich auch besser gewesen sind.

Man lebt somit heute, als Erwachsener, mit der ständigen Erwartung einer Enttäuschung, sobald man sich dem Obstregal nähert. Was für ein verhutzeltes Obst die heute wieder anbieten. Bei manchen Leuten wächst sich diese in ihrem Grunde pessimistische Erwartungshaltung bisweilen sogar zu einer rundum negativen Lebenseinstellung aus. Womöglich sogar zu einer Neurose. Solche Leute sind mit nichts zufrieden zu stellen, wollen immer mehr, immer Größeres, und das auch noch jetzt sofort und ohne Warten (wohl, weil Mama auch früher schon bei jedem Gieks angerannt gekommen ist).

Ich vermute, dass hier die Gründe dafür zu finden sind, warum, bisweilen unter Einsatz modernster Gentechnik, immer größere Früchte gezüchtet werden müssen. Oder warum zum Beispiel die Hamburger immer größer werden (mittlerweile gibt es nicht mehr nur Doppel-, sondern bereits Dreifachburger). Oder warum heutzutage die Autos zu riesigen Geländewagen aufgepumpt werden, bis sie schliesslich so aussehen wie große Versionen der kleinen Matchbox-Autos, mit denen wir früher gespielt haben.

Warum also scheint alles immer größer werden zu müssen? Ich für mein Teil, ich glaube, es stecken unsere nicht bewältigten Kindheitserfahrungen dahinter. Früher, als wir Kinder gewesen sind, war alles nicht nur besser, sondern eben auch größer. Und die Zeiten sind deswegen besser gewesen, weil alles größer war.
logo

der juergendick weblog

Kultur+Gesellschaft

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Aktuelle Beiträge

Runter vom Gas!
Die Abfahrt Kirledreieck auf die B45 und dann hinunter...
JuergenD - 7. Mai, 23:50
Radio Gaga...
Nach langer Zeit hörte ich letzthin einmal wieder...
JuergenD - 29. Apr, 23:57
Impressum
Verantwortlich für den Inhalt dieser Webseite...
JuergenD - 27. Dez, 19:51
Le Week-End
Der Sonntag als Ruhezone im geschäftigen Wochenrhythmus...
JuergenD - 6. Dez, 22:34
Nicht das Rauchverbot...
Nicht das Rauchverbot an sich erzeugt diese "Benachteiligung"...
filmfacts - 7. Okt, 22:57

Status

Online seit 1033 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 7. Mai, 23:50

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB


Der Sport!
Der urbane Mensch
Gender
Internetsucht
Kindheit und ihre Folgen
Komm, wir geh'n ins Kino...
Kultur
Mobilfunkdebatte
Modernes Sein
Musik, Musik!
Naturschutz und Eigensinn
Nervende Jugend
Online sein
Politik und Stolz und Vorurteil
Z-Blog (Das Abstellgleis)
Zum Impressum
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren